Chaosmos

Skulptur von Roberto Sebastian Antonio Matta Echaurren
Skulptur Chaosmos von Roberto Matta
Foto: Nic Tenwiggenhorn, Berlin

Informationen zur Skulptur

Künstler

Roberto Sebastian Antonio Matta Echaurren
Skulptur
Chaosmos

Material

Bronze

Größe

180 x 92 x 38 cm

Entstehungsjahr

1970

Skulptur Chaosmos von Roberto Matta
Foto: Nic Tenwiggenhorn, Berlin
Skulptur Chaosmos von Roberto Matta
Foto: Nic Tenwiggenhorn, Berlin
Skulptur Chaosmos von Roberto Matta
Foto: Nic Tenwiggenhorn, Berlin

Für den im architektonischen Denken und Vorstellen ausgebildeten Matta geht es schon sehr früh - in den 30er Jahren - darum, im Gegenteiligen sich zu behaupten, sich vom festen Raumgefüge ebenso wie von geschlossenen, funktionalen Körperformen zu lösen und statt dessen fließende Verläufe und Bewegungen, veränderliche Körpergebilde und unvorhersehbare Gestaltungen zu suchen und festzuhalten. In Zeichnungen und Gemälden gelingt es Matta, Körper und Raum bzw. Räume in ein Kontinuum ständigen Wechsels momentan festgehaltener Übergangsformen zu bringen. Der Bildraum wird dabei zur Galaxis, zum Weltraum unterschiedlichster, vergänglicher Erscheinungen.

Der visionäre Charakter der im Verlauf vieler Jahrzehnte immer wieder neu entworfenen Raumbilder Mattas scheint im allgemeinen Bewußtsein bereits seine volle Akzeptanz gefunden zu haben, wenn es wahr ist, dass Matta der "Maler des Krieges der Sterne" sein soll (W. Schmied, 1981).

Der Bildhauer bzw. Plastiker Matta hat diese Möglichkeiten nicht. Ihm sind statt dessen Grenzen gesetzt. Das plastische Ding bleibt ein realer Körper im Raum und seine Einheit unterscheidet sich prinzipiell von allen gemalten Dingen seiner reichen Erscheinungswelt durch Vereinzelung und Geschlossenheit, durch seine Schwere und durch seine körperliche Begrenztheit.

Wie eine trotzige Antithese scheint da der Titel gemeint zu sein: CHAOSMOS, mit seiner Welt umfassenden Begrifflichkeit, zumal hier zwei gegensätzliche Aussagen, nämlich Chaos = Unordnung und Kosmos = Ordnung, spielerisch und doch mit überraschender Selbstverständlichkeit zusammengefügt sind. Das universelle Chaos und die universelle Ordnung sollen in diesem Körper zugleich zur Sprache kommen.

Und mehr noch: Das rationale Prinzip synthetischer Ineinsbildung antithetischer Prinzipien fällt hier zusammen mit dem surrealistischen Vergnügen am Zufall und seiner Möglichkeit einer überraschenden Zusammenführung willkürlich vorkommender, fremder Entitäten und der hierin liegenden Tendenz zu ausufernder Verschwendung. In den Gemälden ist dieser Tendenz leicht nachzukommen. In der Plastik muss Matta sich intelligent beschränken, um zu vergleichbaren Aussagen zu kommen.

CHAOSMOS tritt uns als eigentümlich zoomorph erscheinendes Gebilde von polypenhafter Körperlichkeit entgegen, dessen offensichtliche Hohlheit mit seiner abwechslungsreichen Oberflächengestalt deutlich kontrastiert.

Tatsächlich scheint dieser Körper nur aus Wandung zu Bestehen, die weich und wechselhaft quellend, geöffnet und durchkreuzt eindrücklich lebt. Ohne Stehvermögen folgt sie - nur flüchtig festgemacht - einer großen allgemein fließenden Bewegung. Auf der wechselhaft an- und abschwellenden Oberfläche sitzen, wie zufällig verstreut, kleine, an den vorspringenden Formteilen goldglänzend schimmernde, kugelförmige "Parasiten" und schauen uns als roßgesichtige Wesen an. Sie sind viel konkreter in Form und Blick als das große Gebilde selbst und wirken ornamental vereinfacht und funktionalisiert, in Gestalt und Ausdruck wie kleine Blutegel etwa auf der großen Fläche eines muskulösen Männerrückens.
Tatsächlich zeigt das Polypenwesen anthropomorphe Züge, ein übergroßes Gesicht mit riesig breitem Maul über einem winzigen Oberkörper und noch kleineren verkümmerten Beinen. Eben das, was unsere Körperlichkeit kennzeichnet, Selbständigkeit, symmetrische Bildung, Konstruktivität und Proportion, fehlen dieser Plastik ganz. Scheinbar zufällig, wenn auch sehr eindrücklich, wird über den großen, ausgeprägten "Gesichtsausdruck" der anthropomorphe Zug vorgebracht.

An olmekische Greisenkinder der vorkolumbianisch-mittelamerikanischen Kultur erinnert diese plastische Kombination unterschiedlicher Leiberscheinungen. Das greisenhafte Baby oder der babygesichtige Greis überspringen die Zeitabläufe im einfachen Sinne und werfen den Gedanken an eine Gleichzeitigkeit des Vergehens und Werdens auf. Als Gestaltung im transitiven Sinne sollte man diese Plastik auffassen. Das generative Moment liegt nicht nur im Aufeinandertreffen unterschiedlicher Körper, sondern im Körperlichen selbst als einem von unterschiedlichen Momenten durchdrungenem werdenden Bild, das wesentlich Vorgang und Erscheinung ist.

Gruppenfoto anläßlich einer Ausstellung in der Galerie Pierre Matisse, März 1942.

Gruppenfoto anläßlich einer Ausstellung in der Galerie Pierre Matisse, März 1942.

Von links nach rechts, untere Reihe: Matta Echaurren, Ossip Zadkine, Yves Tanguy, Max Ernst, Marc Chagall, Fernand Léger; obere Reihe: André Breton, Piet Mondrian, André Masson, Amédée Ozenfant, Jacques Lipchitz, Pavel Tchelitchew, Kurt Seligmann, Eugene Berman. Foto: Georges Platt Lynes aus: Matta, herausgegeben von Wieland Schmied, 1991

Roberto Sebastian Antonio Matta Echaurren

Biografie und künstlerischer Werdegang
11.11.1911
in Santiago de Chile geboren.
Seine Eltern sind spanisch-französisch-baskischer Abstammung. Matta wird auf einer Jesuitenschule erzogen und studiert anschließend Architektur an der Katholischen Universität von Santiago

1932

Diplom mit dem utopischen Architekturprojekt "Liga der Religionen"

1933

Reise nach Europa

1934

Paris, Matta arbeitet in Le Corbusiers Architekturbüro an Entwürfen der "Ville Radieuse".

1936

Reisen nach Berlin (Olympische Spiele), Helsinki, Brüssel, Barcelona, London und Stockholm. Dort entsteht zum Jahresende in einem Hotel das imaginäre Filmdrehbuch "Die Erde ist ein Mensch" in 162 Szenen. Kontakt zu Garcia Lorca in Madrid.

1937

Paris. Arbeit am Spanischen Pavillon der Weltausstellung. Treffen mit Pablo Picasso, Salvador Dali und Andre Breton. Aufnahme in die Gruppe der Surrealisten. Ausstellung von Zeichnungen

1938

Mattas erstes Gemälde entsteht in Trevignon, Bretagne

1939

Emigration nach USA zusammen mit Yves Tanguy

1940

Erste Ausstellungen in New York

1942

Enger Kontakt u.a. mit den Künstlern J. Pollock, A. Gorky, W. Baziotes. Ausstellungen in der Galerie Pierre Matisse, New York

1948

Rückkehr nach Europa. Aufenthalt in Rom und seit 1954 wieder in Paris

1955

Beteiligung an der III.Biennale in Sao Paulo

1956

Wandbild für das Unesco-Gebäude in Paris. Beginn einer Reihe von Ausstellungen in der Galerie du Dragon

1957

Erste Retrospektive im Museum of Modern Art, New York, unter der Leitung von William S. Rubin. Ausstellung von Skulpturen in der Galerie Pierre Matisse, New York

1959

Erste Einzelausstellung in Deutschland. Teilnahme an der II. Documenta in Kassel. Erste Retrospektive in Europa im Moderna Museet, Stockholm

1960

Erste Ausstellungen von großformatiger Plastik in der Galerie du Dragon, Paris

1963/64

Reisen nach Kuba. Retrospektiven in Bologna, Düsseldorf, Wien, Amsterdam, Brüssel und Mannheim III. Documenta Kassel

1965

Matta wählt Tarquinia in Italien als zusätzlichen Wohn- und Arbeitsort.

1967

Manifestationen gegen den Vietnam-Krieg. Arbeit mit Kunststudenten der Universität Havanna, Kuba

1970/71

Retrospektive in der Nationalgalerie Berlin. Reisen nach Afrika und Chile. Treffen mit Fidel Castro

1974

Bedeutende Retrospektive in der Kestner-Gesellschaft, Hannover

1975/77

Zahlreiche Einzelausstellungen in Lateinamerika und Europa. 3. Documenta-Beitrag

1981

Teilnahme an den großen Ausstellungen "A New Spirit in Painting", London und MParis-Paris", Paris

1982

Im "Kongress für Kulturelle Autonomie unseres Amerika" in Managua wird Matta ständiges Vorstandsmitglied. Reinhard Onnasch veranstaltet eine Matta-Ausstellung in Berlin.

1985

Große Retrospektive im Centre Pompidou in Paris

1987

Die Monumentalskulptur "Eramen" wird im Musee des Arts Decoratifs in Paris vorgestellt

1988

Retrospektive im Palazzo Venezia, Rom. Ausstellung von Zeichnungen im Museum Bochum

1991

Anläßlich der großen Ausstellung der Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung München und dem Kunstkreis Wien erscheint eine umfangreiche Monographie, hrsg. und eingeleitet von Wieland Schmied, mit Texten von Rene Magritte, Gordon Onslow Ford, Max Ernst, Andre Breton, Marcel Duchamp, Henri Michaux und Octavio Paz.

1993

Ausstellung im Yokohama Museum of Art, Japan

1994

Ausstellung im Musee d'art et d'histoire, Beifort, Malerei, Zeichnung, Skulptur

1997

Ausstellung im Museum von Seoul, Korea, Pelerins du Doute, Skulpturen

1999

Museo Nacional Centro de Arte Reina Sofia, Madrid

2000/01

El ano de los tres 000, Fundacion Telefonica,Santiago de Chile. Hotel de Ville de Bruxelles, Malerei, Zeichnung, Skulptur

Publikation "Roberto Sebastian Antonio Matta Echaurren"

Chaosmos
In deutscher und englischer Sprache
Mit Bestandskatalog der Skulpturensammlung zum Zeitpunkt der Veröffentlichung.
Viersen 2002
Verkaufspreis: 10 €
ISBN 3-9805339-5-9
im Webshop verfügbarJetzt kaufen